Zur Wiedereröffnung des Kulturinstituts

© June Ueno

Am Freitag, dem 13. März, mussten wir die Entscheidung treffen, unsere für Ende März vorbereiteten Veranstaltungen wie das Symposium zur Digitalisierung, die Lesung von MURATA Sayaka, den Vortrag über das Parteiensystem in Japan und Deutschland und das Klavierkonzert kurzfristig abzusagen und das Haus zu schließen. Nun können wir endlich, aber sehr vorsichtig, die Türen des Kulturinstituts wieder unter besonderen hygienischen Maßnahmen und Abstandsregelungen öffnen. Ab Juni bieten wir unser Kulturprogramm wieder an, zunächst nur Ausstellung und Filme, wobei in den Saal vorerst nur maximal 32 Personen eingelassen werden können. Die Bibliothek ist nachmittags für eine begrenzte Anzahl der Besucher offen, die Japanischkurse müssen jedoch weiter online durchgeführt werden. Von Wiederkehr des Alltags kann noch nicht die Rede sein. Trotzdem freuen wir uns, dass wir, dank großer Anstrengungen aller, die sich an die Corona-Regelungen gehalten und alles ausgehalten haben, wieder Besucher direkt bei uns begrüßen dürfen!

Die Corona-Pandemie, gegen die man sich zur Zeit höchstens durch Abstandsregelungen oder Reise- und Kontaktverbot wehren kann, erweist sich nicht nur als wirtschaftsvernichtend und austauschverhindernd, sondern auch als äußerst kulturfeindlich, da in der Corona-Regelung alles, was nicht dringend nötig ist, eingeschränkt werden muss, und die Kultur erhält gewöhnlich einen ziemlich hinteren Platz auf der gebräuchlichen Dringlichkeitsskala. Auch für ein Kulturinstitut wie unseres, dessen Aufgaben im Kulturaustausch liegen, stellt dieser Umstand eine große Herausforderung dar. Wir fürchten, dass noch Monate oder vielleicht Jahre ins Land gehen werden, bis wir, wie früher, einigermaßen sorgenfrei unterschiedliche Veranstaltungen durchführen können. Wir leben längst im Post-Corona-Zeitalter, in dem die neue Krankheit uns immer mehr zum Philosophieren über die bisherige Gesellschaftsordnung oder überhaupt über den Sinn des Lebens verführt.

Genauso wie in Deutschland hören wir dazu auch aus Japan schon unterschiedliche Stimmen von Künstlern, Kulturschaffenden und Intellektuellen. So stellt zum Beispiel der Schriftsteller MURAKAMI Haruki in seiner Radio-Musiksendung fest, dass es „beim Kampf gegen das Corona-Virus nicht um Gegensatz zwischen Gut und Böse, zwischen Freund und Feind geht, sondern darum, dass wir selbst geprüft werden, wie wir unsere Weisheit ausschütten und gut miteinander kooperieren, uns gegenseitig helfen und im Stand am Leben halten können. Es ist kein Kampf um die Macht zum Töten, sondern ein Kampf um die Weisheit, einander gemeinsam leben zu lassen.“ Der Nobelpreisträger YAMANAKA Shinya korrespondiert in seiner eigens zum Thema Corona geöffneten Webseite mit Murakami, zitiert diesen Satz und engagiert sich aufklärerisch, indem er jeden Tag neueste biologische Fachkenntnisse über die Corona-Krankheit in leicht verständlicher Sprache vermittelt.

Auch in der Kolumne „Corona-Notizen“ der Asahi-Zeitung zum Beispiel lesen wir anregende Beiträge renommierter Wissenschaftler und Künstler Japans, die sicher auch die deutschen Leser interessieren würden. So fragt sich der bekannte Anatomiewissenschaftler und Bestsellerautor YORO Takeshi, was es heißt, „nicht dringend nötig“ zu sein. Im Corona-Zeitalter wird nämlich von allem abgeraten, was nicht dringend nötig ist. Yoro erinnert sich an seine Zeit als Medizinstudent, in der medizinische Behandlungen täglich dringend gefragt wurden, aber nicht die Anatomieforschung. Yoro merkt, dass seine Forschung nicht für dringend nötig gehalten wird, stellt jedoch langsam fest, dass der Zustand des „Nicht-dringend-nötig-seins“ eigentlich der normale Standard ist. Man bedenke, dass der Mensch ca. 40 Prozent Viren-DNA in seinem Erbgut enthält, die die milliardenjährige Geschichte der Kontakte zwischen Lebewesen und Viren dokumentiert. Dabei wissen wir bei 98% der menschlichen Gene nicht, wozu sie nötig sind. Die meisten Gene wären weder dringend noch nötig, und so wären sie ganz normal. Genauso ist es auch mit dem Leben der Menschen, stellt Yoro fest.

Auch der berühmte Musiker SAKAMOTO Ryuichi, der in der ungleichen Verbreitung der Epidemie die negativen Folgen von Neoliberalismus und Globalisierung der Wirtschaft sieht, plädiert fürs gründliche Umdenken, um aus der Not eine Reform zu machen und unsere Zivilisation auf Version 1.5, wenn nicht gleich auf 2, upzugraden. „Kunst macht uns nicht satt, macht kein Geld, ist auch nicht zum Ermutigen da. (…) Kunst ist nutzlos, muss nutzlos bleiben.(…) Zigtausend Jahre hat der Homo Sapiens so Kunst geliebt.“ So stellt Sakamoto fest und fragt uns: „Ist etwas schlimm daran?"

Die künstlerische und intellektuelle Beschäftigung mit dem Phänomen Corona und dessen gesellschaftlichen Folgen hat erst begonnen. Trotzdem finden wir bereits hier und da interessante Diskussionsansätze, die wir als Kulturinstitut aufmerksam verfolgen und gerne zwischen Deutschland und Japan vermitteln wollen. Gleichzeitig wollen wir, soweit wir können, auch die Künstlerinnen und Künstler unterstützen, die sich zur Zeit in großer Not befinden. Physikalisch werden unsere Tätigkeiten noch für unbestimmte Zeit eingeschränkt bleiben, dafür wollen wir geistig umso aktiver sein und unterschiedliche, zwar nicht unbedingt dringend nötige, doch anregende und nachdenkliche Veranstaltungen sowohl vor Ort als auch virtuell anbieten.

Wir wünschen Ihnen allen vor allem Gesundheit, hoffen auf viel Interesse und Spaß bei unseren Angeboten und bitten Sie weiterhin um rege Teilnahme, Kooperation, Anregungen und Unterstützung.

Japanisches Kulturinstitut Köln
Professor Dr. AIZAWA Keiichi
Direktor