Das Programm der Gastspiele 2019

Bei den Gastspielen des Ensembles der Umewaka Kennōkai Foundation im Rahmen der Europa-Tournee 2019 stehen zwei Nō-Stücke und ein Kyōgen-Zwischenspiel auf dem Programm.

  • 1. Zeami Motokiyo (1363-1443)
    Shōjō - Midare / Sō no mai (Der Geist des Reisweins)
    Kultisches Nō-Tanzspiel in der Version mit Midare-Tanz, ausgeführt von zwei Darstellern
  • 2. Anonym (17. Jahrhundert)
    Kaminari (Der Donnergott)
    Kyōgen-Intermezzo
  • 3. Zeami Motokiyo (1363-1443)
    Koi no omoni (Die Last der Liebe)
    Dramatisches Nō-Spiel

1. Shōjō - Midare (Der Geist des Reisweins)

„(Reis-)Wein" hat in Japan seit jeher allgemein als Lebenselixier und in den Religionen (vor allem im japanischen Shintoismus) als heiliges Medium bei der Begegnung und Kommunikation mit den verehrten höheren Mächten (Göttern und Geistern) eine besondere Bedeutung.

Das Zeami Motokiyo zugeschriebene Nō-Spiel Shōjō bezieht sich auf diesen Hintergrund. Es ist weniger Drama, als kultisches Fest zur Feier des „Geists des Weines", der auf dem Höhepunkt des Spiels leibhaftig erscheint und einen längeren Tanz zum Segen der Menschen (Shūgen) darbietet. (Die Aufführung des Stücks soll auch als Glückwunsch an das Japanische Kulturinstitut Köln verstanden werden, das am 2. September 2019 sein 50. Gründungsjubiläum feiert.)

Shôjô © MAEJIMA PHOTO STUDIO

Das in Japan beliebte Stück ist in der diesmal gespielten Version mit dem zentralen Tanz „Midare“ (wörtl. „Unordnung“) ungewöhnlich abwechslungsreich, wobei auch die vom Hayashi-Ensemble gespielte instrumentale Begleitung in Tempo und Rhythmus vielfältig variiert. Zudem wird die Rolle des „Geists des Weins“ auf zwei Darsteller aufgeteilt, die sich beim Tanz synchron, aber auch voneinander abweichend und gegenläufig bewegen (Sō no mai). Sie setzen dabei zum Teil im Nō-Spiel ungewöhnliche Fußtechniken (Tanz auf Zehenspitzen u.a.) ein, die symbolisieren sollen, dass die Tänzer bei ihrer Darbietung über den Wassern eines Flusses schweben. Beide Darsteller tragen eine Maske, die als Ausdruck von Unschuld und Reinheit ein rötlich gefärbtes, kindliches Gesicht zeigen, sowie ein üppiges Kostüm mit einer Perücke, die als Mähne aus roten Haaren gefertigt ist. Die dominierende Farbe Rot unterstreicht die zeremonielle, glückverheißende Atmosphäre, die das Stück verbreiten möchte.

Den nur kurzen Spieltext von „Shōjō“ hat bereits Ezra Pound (1885-1972) bei seiner Bearbeitung des Nachlasses von Ernest Fenollosa ins Englische übersetzt, redigiert und erstmals 1917 in dem Buch „‘Noh‘, or, Accomplishment, a study of the classical stage of Japan“ veröffentlicht. Diese Publikation erschien 1960 auch in einer von Eva Hesse edierten deutschen Übersetzung im Züricher Arche-Verlag unter dem Titel „Nō – vom Genius Japans“, die bis heute mehrfach neu aufgelegt wurde. Die deutschen Übertragungen („Nachdichtungen“) der englischen Übersetzungen von Ezra Pound (darunter auch „Shōjō“) stammen von dem bekannten österreichischen Kunst- und Literaturwissenschaftler Wieland Schmied (1929-2014).

2. Kaminari (Der Donnergott)

Als kurzes Kyōgen-Intermezzo hat man das Stück Kaminari ausgewählt, ein Zwei-Personen-Stück über den „Gott des Donners“. Dieser ist ungewollt durch einen Spalt in den Wolken auf die Erde herabgefallen und hat sich die Hüfte gestaucht. Ein zufällig vorbeikommender „Quacksalber" versucht ihm mit einer riesigen Akupunktur-Nadel zu heilen. Das Stück lebt von komisch-absurden Situationen und witzigen Dialogen.

3. Koi no omoni (Die Last der Liebe)

Koi no omoni © MAEJIMA PHOTO STUDIO

Dieses Stück, das von Zeami Motokiyo stammt, zählt zu den „dramatischen" Nō-Spielen. Es hat eine nachvollziehbare Handlung, die in der von Zeami im frühen 15. Jahrhundert konzipierten zweiteiligen Form des Mugen-Nō („Traumspiels") gestaltet ist: die Hauptfigur tritt im zweiten Teil in einer übernatürlichen Existenzform, als Totengeist in Erscheinung.

Im Mittelpunkt steht das Motiv des Grolls und einer übersteigerten, in Wahnsinn mündenden Leidenschaft. Ein alter Gärtner im Palastgarten des Kaisers Shirakawa hat sich gegen alle gesellschaftlichen Regeln in eine Hofdame verliebt. Diese hat eine untragbar schwere Last in Brokat einwickeln und dem Gärtner ausrichten lassen, dass sie sich ihm erst wieder zeigen werde, wenn er diese Last viele hundert Male um den Palastgarten herumgetragen habe. Der Gärtner vermag zwar die Last einige Male vorwärts zu bewegen, aber sie drückt ihn zu Boden, zehrt alle seine Kräfte auf, so dass er schließlich enttäuscht und gedemütigt, voller Groll und dem Wahnsinn verfallen, stirbt.

Koi no omoni © MAEJIMA PHOTO STUDIO

Die Hofdame ist betroffen, dass der Gärtner die Lehre, die sie ihm erteilen wollte, missverstanden hat. Voller Reue begibt sie sich zum Leichnam des Gärtners, um durch diese Geste des Mitgefühls den Groll des Totengeistes zu besänftigen. Als sie sich von ihrem Sitz wieder erheben will, wird sie wie von schweren Steinen niedergedrückt. Der Geist des Gärtners, der nun sichtbar erscheint, hat von ihr Besitz ergriffen und lässt sie nun seinen heftigen Groll spüren. In einem Tanz, der den Höhepunkt des Spiels bildet, wird seine Rachsucht schließlich jedoch besänftigt. Der Totengeist nimmt die Reue der Hofdame an und entschwindet mit dem Versprechen, sie in Zukunft als Schutzgeist vor allem Unglück zu bewahren.

Gespielt werden die beiden Nō-Spiele und das Kyōgen-Intermezzo auf einer authentischen Nō-Bühne, die auf die vorhandenen Konzert- oder Theaterbühnen der Gastspielorte aufgelegt wird. Um das Verständnis der japanisch gesprochenen und gesungenen Dialoge und poetischen Kommentare zu ermöglichen, wird eine deutsche (in der Schweiz auch eine englische) Übersetzung der Spieltexte als Übertitel projiziert.