INTERKULTURELLE FORSCHUNGSBEITRÄGE AUS JAPAN ZU GEMEINSAMEN AKTUELLEN HERAUSFORDERUNGEN

Online-Ringvorlesung der Universität Bonn, Universität zu Köln und des Japanischen Kulturinstituts Köln

14. Oktober 2022 - 27. Januar 2023

Forscherinnen und Forscher, die sich hauptsächlich mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Themen in Bezug zu Deutschland befassen, analysieren in dieser Ringvorlesung die Kultur und Gesellschaft Japans und stellen dabei aktuelle Fragen im Vergleich mit Deutschland. Im Vordergrund stehen nicht traditionell-kulturelle Besonderheiten oder die Populärkultur Japans, sondern vielmehr gemeinsame Aufgaben und Probleme beider Länder.

Japan ist eines der wenigen außereuropäischen Länder, die mit Deutschland gemeinsame Werte und eine vergleichbare Modernisierungsgeschichte teilen. Umso aufschlussreicher erscheint die gemeinsame Suche nach Antworten auf dringende Fragen beider Gesellschaften.

Die Vortragsreihe setzt den im Sommersemester 2021 vom Japanischen Kulturinstitut, der Universität zu Köln und der Universität Bonn gemeinsam veranstalteten Zyklus „Deutsch-Japanische Wissenschaftskooperationen am Rhein“ fort, in dem die Professorinnen und Professoren der beiden Universitäten ihre in Kooperation mit Partnern in Japan betriebenen Arbeiten vorstellten. Diesmal sind die Forschenden aus Japan an der Reihe, deren Beiträge die deutschen Zuhörer zum kritischen Nachdenken über ihre eigene Gesellschaft einladen.

Die Vorträge werden online in Form eines Zoom-Webinars angeboten mit anschließender Diskussion.

Die Vorträge finden jeweils an einem Freitagvormittag ab 10 Uhr c.t. statt.

Übersicht der Veranstaltungen

14.10.2022

AIZAWA Keiichi (Direktor des Japanischen Kulturinstituts)
Einführung
https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_PpeyPK3GSxyxSKeFw-eA-A

21.10.2022

TSUJI Tomoki (Meiji-Universität)
Geschichte der deutsch-japanischen Beziehungen aus der postkolonialen Perspektive
https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_Evpsh46CRj6QED_19--0Ug

Im Jahr 2021 jährten sich die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan zum 160. Mal. Im Rückblick auf die Geschichte des Kulturaustausches der beiden Länder sind mittlerweile auch verschiedene Aspekte in den Fokus gerückt, die über die bisherigen Forschungen hinaus auch die Gegenseitigkeit der Beziehungen oder sogar die Phasen von Brüchen, Desinteresse und Verfeindung aufgezeigt haben, womit die bisherige naive Auffassung, wie z.B. „die ehemaligen Bündnispartner Deutschland und Japan“ zumindest im Wissenschaftsdiskurs weitgehend überwunden wurde Aber (noch) viel weniger berücksichtigt ist die postkoloniale Perspektive, die scheinbar mit der Geschichte der deutsch-japanischen Beziehungen wenig relevant zu sein scheint. Gegenüber der Vorstellung, dass es zwischen den beiden Ländern keine kolonialen Verhältnisse gegeben hätte, soll in diesem Vortrag in Anlehnung an die Postkolonialismus-Theorien und anhand konkreter Fallbeispiele, die zum Teil auch den japanischen Kolonialismus ins Visier nehmen, der Frage nachgegangen werden, ob es wirklich keinen Einfluss des Kolonialismus auf die deutsch-japanischen Beziehungen gab und wie anders sie aus der postkolonialen Sicht betrachtet werden kann.

28.10.2022

KAWASAKI Takeshi (Sophia-Universität)
Politische Führung und Bürokratie in Japan: Wie funktionieren sie und was hat sich in den letzten Jahren geändert?
https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_ONeeIszzS_2m_vNb5HO27g

Lange Zeit wurde Japan als ein Staat mit einem starken bürokratischen System und einer schwachen politischen Führung bezeichnet. Seit Anfang der 90er Jahren haben Japaner aber versucht, mit einigen Reformen das politische System so zu ändern, dass wir mit einer stärkeren Führung von den Politikern die Verwaltung noch effizienter und damit noch demokratischer steuern können. Im Zuge der Durchführung verschiedener Reformprojekte hat sich die Funktionsweise des politischen Systems hier teilweise verbessert, aber es entstanden andere Phänomenen, die die „Reformdesigner“ nicht erwartet hatten.

In diesem Vortrag werden zuerst die Eigenschaften des japanischen politischen und bürokratischen Systems skizziert, dann einige der wichtigsten Reformvorhaben vorgestellt, und zum Schluss die Lage und Probleme des gegenwärtigen Systems erwähnt.

4.11.2022

MAEDA Ryōzō (Rikkyō-Universität, em.) mit Jürgen Fohrmann (Universität Bonn)
»Handwerk«, Ideologien, Nationalkultur. Die NS-Kunst und Cool Japan in kultur- und mediengeschichtlichen Kontexten
https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_9W1UQe0PTRukyuToLvfj4A

Bildende Kunst im Nationalsozialismus, die in der 1937 bis 1944 regelmäßig veranstalteten »Großen Deutschen Kunstausstellung« (GDK) dem Publikum massiv vorgestellt wurde, gilt als typisches Beispiel für politische Propagandakunst. Es ist allerdings nicht klar, wie diese Kunst im nationalsozialistischen Sinne als »deutsch« definiert werden kann. Die Vorlesung geht dieser Frage nach, indem sie das Problem der ideologischen Indienststellung des Begriffs »Handwerk« im Nationalsozialismus aufgreift. Eine Auseinandersetzung mit diesem Problem erweist sich darüber hinaus für einen reflektierten Umgang mit gegenwärtigen Kulturpraktiken und -diskursen in Japan als aufschlussreich, da eine emphatische Fokussierung auf Handwerklichkeit eine der auffälligsten diskursiven Konstanten ist, wenn es sich um die Verbindung des Nation Branding und japanische Kultur wie etwa »Cool Japan« handelt.

11.11.2022

Kayo Adachi-Rabe (Universität Jena)
Die cineastische Schule HASUMI Shigehikos und ihr Nachwuchs
https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_kQQ9R02bSzyNukBw4c7ECg

Gegenwärtig genießen japanische Filmregisseure wie HAMAGUCHI Ryûsuke und FUKADA Kôji Erfolge, die zum Nachwuchs der cineastischen Schule gehören. Diese entstand in Vorlesungen des Filmkritikers und Romanisten HASUMI Shigehiko in den 1980er Jahren. Seine ersten Schüler sind u. a. SUÔ Masayuki, KUROSAWA Kiyoshi, AOYAMA Shinji und NAKATA Hideo. Die Schule steht im Kontext der internationalen Kultur der Cinephilie, die besonders von den Regisseuren der französischen Nouvelle Vague geprägt war. Seither entwickelte sich die Filmkunst in Japan entscheidend selbstreflexiv, indem die Filmemacher sich selbst im Kino ausbilden. Die Werke der Hasumi-Schüler entfalten dynamische Mischungen der internationalen Filmstile und ihren unablässigen Diskurs darüber, was „das Filmische“ ist. Im Vortrag werden die Besonderheit der Konzepte, die Auswirkungen und Entwicklungen dieser Schule erörtert.

18.11.2022

HIRAISHI Noriko (Universität Tsukuba)
Female Sexuality in Twentieth-Century Japanese Literature: Challenging Gender/ Sexual Norms
https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_S_kVUiPNQWyDVjQjdUEZIQ

Gender equality is a global issue and the fifth goal of the SDGs adopted at the 2015 UN Summit. However, Japan ranks 116th in the Gender Gap Index (GGI) for 2022 published by the World Economic Forum, and when contrasted with Germany, which ranks 10th, there is a large gap between Japan and Germany's efforts on this common issue. One of the reasons pointed out for Japan's low ranking in the GGI is the persistence of gender norms, such as the division of social roles based on gender.

In order to explore various aspects of Japanese women's challenges to these gender norms, this lecture will focus on literary works written by women, particularly in their portrayal of female sexuality. Literature, an art field that is also a reflection of culture and society, has long been considered in Japan as a field in which women can actively participate. In addition to waka poetry, many important works in the fields of diary literature, essay, and novel were written by women in the 10th and 11th centuries and are still recognized as the canonical works of Japanese literature. Although women were no longer regarded as bearers of literature when political power shifted from the aristocracy to the samurai and the position of literature in society changed, many women writers became active again in the modern era.

On the other hand, what is noteworthy about the activities of women in Japanese literature is that female writers have always been expected to produce "feminine" literary works in line with the gender norms. Women's gender roles were accompanied by strict sexual norms, and it was considered shameful for women to talk about their sexuality. This lecture will examine the challenges of female writers who attempted to liberate themselves from the gender norms by defying these sexual norms, focusing on two periods: the early 20th century and the 1980s. Starting with Yosano Akiko's depiction of the female body in Midaregami (Tangled Hair, 1901), followed by an examination of rape and lesbianism by Tamura Toshiko, and adultery by Otsuka Kusuko and Araki Ikuko around 1910, we will reveal how the female voices question the norm. Works from the 1980s, when the postwar period of rapid economic growth gave way to the bubble economy and "women's social advancement" became an issue, will also be included in the analysis. What did the straightforward expression of one's sexuality and sexual desire described in the works of female writers have at that time, and how did they lead to the literature of the 21st century? We will discuss Itō Hiromi’s Aoume (Green Plum, 1982), Yamada Eimi's Bedtime Eyes (1985), and Matsuura Rieko's Natural Woman (1987).

25.11.2022

YAMANAKA Junko (Tōkai-Universität)
Die Bedeutung der Beteiligung von Laien am Strafverfahren
https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_FBSAY7T-Rx2kmLcVzbUSUA

2.12.2022

AOKI Sōko (Universität Nagoya)
Umweltbewegung in Japan: Lokaler Widerstand und Unterstützung von Stadtbürgern
https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_3JuCkgNXS2iw53aBxEdz8A

In der Geschichte der lokalen Umweltbewegungen in Japan beobachten wir oft, dass Unterstützung durch Stadtbürger von den protestierenden lokalen Anwohnern nicht akzeptiert, sondern verweigert wird. Dieses aus deutscher Sicht besondere Phänomen wollen wir anhand der beiden folgenden Fragen zu erklären versuchen:

(1) Welche Widerstandslogik verfolgen die Anwohner, wenn sie die Unterstützung von außen verweigern?

(2) Welchen Sinn hat die städtische Bürgerbewegung, wenn sie auf dem Land auf Ablehnung durch die dortige Anwohner stößt?

Durch Analyse von konkreten Fällen werden wir die Charakteristika japanischer Widerstandsinitiativen gegen Atomanlagen erörtern und dabei auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Deutschland eingehen.

9.12.2022

MISHIMA Kenʼichi (Universität Osaka, em.) mit Wolfgang Seifert (Universität Heidelberg)
Öffentliche Diskurse in der unmittelbaren Nachkriegszeit: Konzepte der Demokratisierung: Vergleich der beiden Länder
https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_Uw0bejd-SbGWTTqc94KooQ

Nach dem Ende der selbstverschuldeten Kriege waren sowohl in Deutschland als auch in Japan von den namhaften Intellektuellen, die die schlimme Zeit auf die eine oder andere Weise überwintert haben, diverse Stimmen zu hören. Einerseits ging es um bohrende Fragen, wie alles kommen konnte, wie es gekommen ist, andererseits um Visionen und Entwürfe, die sich auf die demokratische Neugestaltung des jeweiligen Landes bezogen.

Repräsentativ dafür ist in Japan die Rede, die NANBARA Shigeru, der renommierte Politologie-Professor der Reichs-Universität Tokyo, in seiner Eigenschaft als neu ernannter Rektor am 11. Februar 1946, am Tag der Reichsgründungsfeier, gehalten hat. In dieser Rede fällt neben der scharfen Aburteilung der Kräfte, die den Krieg angefangen haben, auch neben einer merkwürdigen Zuversicht, dass sich Deutschland durch Rückbesinnung auf Luther und Kant für das begangene Verbrechen Sühne leisten und kulturell schnell regenerieren werde, ein unverbrüchliches Vertrauen auf das Potential der eigenen uralten Tradition auf. Dieser kulturelle Patriotismus war vielen Intellektuellen, die sich damals öffentlich gemeldet haben, gemeinsam. Vielleicht waren in „jenen Umbruchphasen, in denen Neues entstanden ist – oder hätte entstehen können“, schon die spätere Entwicklung angelegt, „hinter die Möglichkeiten zurückzufallen“ (Jürgen Habermas), die das Jahr 1945 für Japan eröffnet hat.

Nachdem MISHIMA Kenichi diese Rektoratsrede vorgestellt und interpretiert hat, wird Wolfgang Seifert eine Rede von Karl Jaspers analysieren.

16.12.2022

KIMURA Gorō-Christoph (Sophia-Universität)
Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg
https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_TiIKE-wZQWCnQUjeVFp96A

In diesem Vortrag werden die direkten Zusammenhänge, Parallelen und Unterschiede zwischen der Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Mittel- und Osteuropa und die Rückkehr der japanischen Bevölkerung aus Ostasien besprochen. 

Diese zeitgleich stattgefundenen Bevölkerungsverschiebungen, die Teile einer Reihe von Bevölkerungswanderungen im 20. Jahrhundert sind, gehören nicht nur zu den größten in der modernen Weltgeschichte, sondern haben bis heute Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen den Nachbarländern wie z.B. Deutschland-Polen und Japan-China. 

Der Blick auf diese Zusammenhänge kann dazu beitragen, den Hintergrund des oft diskutierten unterschiedlichen Umgangs mit der Geschichte in Japan und Deutschland zu beleuchten.

13.1.2023

AGATA Kōichirō (Waseda-Universität) mit Reinhard Zöllner (Universität Bonn)
Vergleich der Covid-19-Regelung in Deutschland und Japan unter dem Gesichtspunkt von Verbindlichkeit und Eigenverantwortung https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_7uq0MWWkQeqAMPuIIA0KXQ

20.1.2023

NN
Diskussionsrunde zur Vortragsreihe (derzeit noch in Vorbereitung; nähere Informationen werden auf der Website des Japanischen Kulturinstituts bekanntgegeben.)
https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_njihc-meSOS_QPZi9C7Alw

27.1.2023

FUJIHARA Tatsushi (Universität Kyoto)
Philosophie der Zersetzung: Gesellschaft und Natur aus der Sicht des Mülls
https://us02web.zoom.us/webinar/register/WN_cOlTlcHhSHud-4CpUwRkTA

In der Fachterminologie der „Ökologie“ als Disziplin bedeutet "Zersetzung" die Umwandlung organischer Materie, wie Tier- und Pflanzenreste, Exkremente usw., in einfacheren Substanzen durch die Einwirkung von Mikroorganismen, die im Boden, im Meer und im Körper leben. Wenn sie vollständig zersetzt sind, werden sie zu Wasser, Kohlendioxid, Ammoniak, die für die pflanzliche Photosynthese und das Wachstum benötigt werden.

Der Zweck dieser Vorlesung ist es, das Phänomen der menschlichen Gesellschaft und der ökologischen Welt unter Verwendung des Begriffs "Zersetzung" aus geisteswissenschaftlicher Sicht umfassend zu beschreiben. Bereits 2019 hatte ich auf Japanisch ein Buch mit dem Titel „Die Philosophie der Zersetzung: Gedanken zu Fäulnis und Gärung“ veröffentlicht. Nach seiner Veröffentlichung trat ich mit japanischen Philosophen und Historikern sowie Künstlern und Aktivisten in einen Dialog. In dieser Vorlesung möchte ich, basierend auf meinen Gesprächen mit ihnen, eine Umweltphilosophie im Zeitalter von Massenproduktion, Massenkonsum und Massenentsorgung vorstellen.

Veranstalter: Japanisches Kulturinstitut, Universität zu Köln, Universität Bonn